Interview
Frau Bachmann, was bedeuten Gefühle für Sie?
Jeder Mensch fühlt, bis zum letzten Atemzug. Dazu brauche ich nicht mal besonders gefühlsbetont zu sein. Gefühle sind innere Empfindungen, energetische Bewegungen, die jedem Menschen sein individuelles, unverwechselbares Gesicht geben. In unseren Bemühungen, im Beruf, im Alltag und in zwischenmenschlichen Beziehungen gut zu "funktionieren", leben wir aber die meiste Zeit aus unserem Denken heraus und verdrängen sie. Oder aber wir folgen unseren Gefühlen zwanghaft. Die guten Gefühle wollen wir unbedingt behalten, die unangenehmen hingegen sofort loswerden. Leider bewirkt unser ablehnendes Verhalten das Gegenteil: sie bleiben oder kommen verstärkt wieder, oft über Jahre. Wir behandeln Gefühle meist falsch, weil wir ihre Natur nicht verstehen und Angst vor ihnen haben, oft sogar vor den angenehmen! Gefühle sind weder gut noch schlecht, solange wir ihnen kein bewertendes Etikett überstülpen. Um authentisch und glücklich – und dadurch auch auf jedmögliche Weise erfolgreich zu sein, brauchen unsere Gefühle, egal, ob angenehm oder nicht, unsere Zuwendung. Dann stellt sich Entspannung und Wohlbefinden ein: wir kommen bei "uns an." Was dann zu tun ist, zeigt sich von selbst. Wir dürfen unseren Gefühlen ihre Existenzberechtigung zurückgeben. Der freundschaftliche Umgang mit ihnen verändert das Lebensgefühl zum Positiven, egal, in welcher Situation ich mich befinde.
In ihrem Buch geht es um die "Freundschaft mit den Gefühlen". Haben Sie denn mit Ihren Gefühlen Freundschaft geschlossen?
Ich tue es immer wieder neu. Es ist ein lebenslanger Prozess auf der Reise zu sich selbst, Moment für Moment. Früher habe ich mich immer aufgeregt, wenn jemand zu mir sagte: "Akzeptier dich doch einfach, wie du bist!" Das hätte ich gern getan, aber ich wußte nicht, wie es geht! Über das kopfmäßige Verständnis allein funktioniert es jedenfalls nicht. Den Zugang zur Selbstakzeptanz habe ich erst über das Annehmen der momentanen Gefühle gefunden. Man orientiert sich an sich selbst, versinkt nicht mehr im Strudel des Alltags, sondern schöpft immer wieder erneut Energie. Man lernt, mit seinen Kräften hauszuhalten, sie richtig einzusetzen, kommt aus möglichen Durststrecken schneller raus, bekommt eine Balance und einen freien Kopf. So kann es sein, dass ich nicht mehr erst krank werden muss, um daran erinnert zu werden, auf mein inneres Gleichgewicht zu achten. Selbst das leiseste Unmutsgefühl kann sich durch ein sanftes Annähern in etwas Freudiges verwandeln. Die Freundschaft mit den Gefühlen ist jeden Moment neu, weil ich mich ihnen immer wieder frisch zuwende. Der Kopf darf sich entspannen, weil der Bauch für uns denkt. So wird das Leben tatsächlich zu einem abenteuerlichen, einzigartigen Spiel.
Das hört sich aber nach viel Arbeit an.
Es ist keine Arbeit, sondern ein Vergnügen, weil ich sofort mit einem Empfinden von Zufriedenheit oder Erleichterung
belohnt werde. Auf einmal stellt sich Vertrauen ins Leben ein, wo vorher der Kopf mit seinen kritischen Gedanken rotierte,
wie ein Hamster im Laufrad. Das ist der Beginn von Freiheit.
Es kostet viel mehr, in den alt eingesessenen Verhaltensweisen zu verharren und Gefühle zu verdrängen oder ihnen zwanghaft
zu folgen. Das merken wir nur nicht, weil wir es für "normal" halten! Sogar den Verlust von Energie und Lebensfreude,
der
sich dadurch einschleicht, halten wir für normal. Wir sind dann von den sog. "Umständen" abhängig, die uns
wieder "beleben"
sollen - und die sind ja bekanntlich nur selten und vor allem nie lang genug optimal.
Und wie geht das?
Gedanken und Gefühle zu beobachten, ist allein schon ein großer Schritt. In Form einer "inneren Reise" Kontakt mit dem Körper oder verspannten Körperteilen aufnehmen, ist Erholung für den gesamten Menschen. Der Empfindung mit Sanftheit den Platz zugestehen, den sie ohnehin schon einnimmt. Die Gefühle immer wieder fühlen, wie sie wirklich sind, indem ich ihnen in meiner Vorstellung einen Besuch abstatte und die altbekannten Gedanken draußen lasse - das ist Urlaub für die Seele. Das bedeutet beispielsweise nicht, dass ich für "immer" meine unliebsame Situation ertragen muss! Es geht beim Fühlen nie um die Umstände im Außen, sondern erst einmal nur um das Gefühl im jetzigen Moment: weil es ohnehin schon da ist! Danach können sich Lösungen für die jeweilige Situation zeigen: dann kommen sie aus unserer Basis und sind authentisch.
Sie sprechen von Achtsamkeit...
Ja. Immer wieder wenn es mir einfällt, kann ich auf meine Gefühls- und Gedankenwelt schauen. Satt zu sagen "oh mein Gott, jetzt passiert mir dieser Mist schon wieder!" könnte ich die Haltung in eine freundlich interessierte verändern: "Aha, diese negativen Gedanken kenne ich ja schon... aha, so fühlt sich das an, wenn ich das glaube,.. interessant, wie sich dieser Ärger anfühlt, wenn er in mir aufsteigt..." So gewinne ich Abstand von meinem automatisierten Verhalten. Gleichzeitig komme ich mir selbst näher - ich werde ganzkörperlich präsenter.
Es gibt viele Bücher dieser Art. Was ist an Ihrem Buch anders?
Man kann nichts falsch machen. Jeder kann es lernen. Es ist leicht. Es funktioniert in jeder Lebenslage. Man kann es alleine machen. Es bringt größere Bewusstheit und Weitblick ins Leben. Man wird durchlässig – der Körper findet zu seiner natürlichen Intelligenz zurück. Es war mir wichtig, bodenständig zu bleiben. Das Buch lockt nicht mit der "großen Freiheit da draussen", die dann auch meist in weiter Ferne bleibt. Die wirkliche Befreiung ist in der Beachtung auch von scheinbar "unwichtigen" Gefühlen und Wahrnehmungen, die wir sonst gern überspringen, weil wir sie nicht als wichtig erachten. Ich habe viel Unterstützung durch Psychologen und spirituelle Lehrer bekommen. Sie haben mir vor allem in schwierigen Lebensphasen gezeigt, wie ich mit mir selbst ins Reine kommen kann. Dass diese Sichtweise auch in meine Arbeit einfließen kann, ist ein großes Geschenk, das ich sehr gern weitergebe.
Wie kam es zu diesem Buch?
Mich fasziniert, wie Menschen denken und fühlen und was ihre Beweggründe für ihre Handlungen sind. In der Schauspielerei benutzt man diese Verhaltensmuster, um sich besser in die Rolle einzufühlen und sich stärker damit zu identifizieren. Im wirklichen Leben aber hält uns genau diese Identifikation mit den Gedanken davon ab, das freie Leben zu führen, das uns von Geburt an zusteht. Die Auseinandersetzung mit diesen Beobachtungen und Erfahrungen in meinem Beruf und im Privatleben hat mich nicht los gelassen. Ich finde es faszinierend, den Menschen an sich und sich selbst allmählich verstehen zu lernen. Ich empfinde es als aufregendes Lebensstudium. Die meisten Menschen sind in irgendeiner Form unzufrieden und suchen nach einer Verbesserung ihrer Lebenssituation. Die beginnt zu allererst innen. Das musste in ein Buch - da ging kein Weg dran vorbei.
